Forschung |

Hier informiere ich über meine Forschungsschwerpunkte sowie laufende und abgeschlossene Forschungsprojekte.

Forschungsschwerpunkte

  • Literatur des 19.-21. Jahrhunderts
  • Medien der Literatur / Medienkulturwissenschaft
  • Lese-, Rezeptions- und Publikumsforschung
  • Empirisch-ethnographische Methoden der Literatur- und Kulturforschung
  • Praxeologie (in) der Literaturwissenschaft
  • Literaturgeographie, Raumnarratologie
  • Literaturtourismus, Literaturausstellung
  • Kollektives Lesen (insb. im digitalen Zeitalter)

Kollektives Lesen (Arbeitstitel)

Postdoc-Projekt, seit 2016

„Lest allein, in eurer Kammer oder auf der Gartenbank, aber lest allein“, so ein Rat des Autors Peter Handke in einem Interview für den ORF.[1] Eine dazu konträre Sichtweise entwirft Bob Stein, Gründer des Institute for the Future of the Book, indem er eine Zukunft antizipiert, in der das individuelle ‚Für-sich-Lesen‘ im Zuge der Weiterentwicklung digitaler Lesetechnologien weitestgehend durch gemeinschaftliche Praktiken der Literaturrezeption ersetzt sein wird.[2] Was Stein als ‚Normalfall‘ der Lektüre ausweist, stellt mit Blick auf einschlägige Literatur- und Kulturtheorien jedoch eher einen Sonder- bzw. Ausnahmefall dar: Denn im Unterschied zu Rezeptionen anderer Kunstformen, z.B. Theater, Oper oder Film und Fernsehen, denen per se eine vergemeinschaftende Komponente eingeschrieben zu sein scheint, wird der Umgang mit Literatur meist – ganz im Sinne Handkes – als intimes, von jeglichen sozialen Bezügen losgelöstes Verhältnis zwischen individuellem Leser und Text gefasst. Ein Blick in die historische wie auch gegenwärtige Praxis zeigt allerdings, dass Formen der gemeinschaftlichen bzw. der kollektiven Aneignung und Kritik von Literatur in unterschiedlicher Weise schon immer Teil ihrer Rezeption (gewesen) sind. Um nur einige Beispiele und Entwicklungen grob zu skizzieren, reicht die Spanne von den Lesegesellschaften und literarischen Salons des 18. und 19. Jahrhunderts über private oder öffentliche Literaturkreise und Diskussionsrunden (z.B. in Fernseh-Talkshows, Buchhandlungen oder Face-to-Face Literaturkreisen unter Laien) bis hin zu den ‚vernetzten‘ Lesern im digitalen Zeitalter (Stichwort ‚Social Reading‘).

Ausgehend von diesen Beobachtungen und Befunden verfolgt das Projekt das Ziel, Formen und Praktiken des kollektiven Lesens in der Gegenwartskultur in vergleichender Perspektive zu untersuchen. Kollektives Lesen wird dabei vorläufig definiert als eine soziokulturelle Praktik im Umgang mit Literatur, bei der mehrere Personen simultan einen ausgewählten (literarischen) Text über einen festgelegten Zeitraum lesen und sich über diese Lektüre in der Gruppe austauschen. In methodischer Hinsicht kombiniert das Projekt literatur-, medienkulturwissenschaftliche sowie praxe­o­logische Ansätze. Den Kern der Untersuchung bilden drei qualitativ-ethnographisch ausgerichtete Fallstudien, in denen konkrete (Laien-)Praktiken der kollektiven Literaturaneignung und -kritik in drei verschiedenen (medialen) Kontexten in den Blick genommen werden: Erstens gemeinsames Lesen in lokalen Face-to-Face-Literaturkreisen, zweitens im Rahmen von organisierten Leseevents (konkret: „Eine Stadt liest ein Buch“) sowie drittens an der Schnittstelle zu sozialen Netzwerken (z.B. LovelyBooks) und digitalen Lesemedien. Das übergreifende Forschungsinteresse richtet sich auf die Wirkungen und Dynamiken, die literarische Texte an der Schnittstelle mit Rezipienten bzw. spezifischen Rezipienten­gruppen entfalten, sowie auf die dabei entstehenden Formen der Vergemeinschaftung und Partizipation am literarischen Diskurs.

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[1] Das Interview wurde von der Kultur-Journalistin Katja Gasser geführt und am 03. März 2016 im ORF ausgestrahlt.

 

[2] „When I grew up in the 50s, reading and writing were activities conducted alone and in silence. Twenty years from now, as my grandchildren come of age, I expect these formerly solitary behaviors will be perceived as highly social — something we do, more often than not, with others.“ Bob Stein (2010): „A Taxonomy of Social Reading. A Proposal“, in: Institute for the Future of the Book 2010, URL: http://futureofthebook.org/social-reading/ (abgerufen am 15.03.2016).

Literatur, die versammelt; hier gemeinsame Ulysses-Lektüre in Dublin, Quelle:  R. Knipp 2014
Literatur, die versammelt; hier gemeinsame Ulysses-Lektüre in Dublin, Quelle: R. Knipp 2014

Begehbare Literatur. Eine literatur- und kulturwissenschaftliche Studie zum Literaturtourismus

Dissertationsprojekt (abgeschlossen), 2012-2015, gefördert durch das DFG-Graduiertenkolleg Locating Media

Literaturtouristen vor der Fassade des Lübecker Buddenbrookhauses, Quelle: R. Knipp 2014
Literaturtouristen vor der Fassade des Lübecker Buddenbrookhauses, Quelle: R. Knipp 2014

Im Zentrum des an der Schnittstelle von Literatur­wissen­schaft und empirisch-ethnographischer Kulturforschung angesiedelten Dissertationsprojektes steht ein spe­zi­fisches und bislang kaum erforschtes Phänomen der Wirkung von Literatur: der Literaturtourismus. Literatur­tourismus stellt eine orts- und raum­bezogene Praktik der Rezeption literarischer Texte dar, bei der Leserinnen und Leser Handlungsorte ihrer Lektüre bereisen. Literarisches Reisen ist längst eine etablierte kulturelle Technik (sowohl in gegenwarts­bezogener als auch in historischer Perspek­tive); ebenso haben sich literarische Schauplätze als Destinationen im Feld des Kulturtourismus erfolgreich platziert - mit ent­­sprech­­ender Infrastruktur (z.B. Museen, Formate des Stadtspazierganges, Themenwanderwege, etc.). 

Das Projekt hat das Ziel verfolgt, eine literaturethnographische Perspektive auf den Gegenstand zu entwerfen, die aus­gehend von den topographischen Verfahren der literarischen Texte nach den konkreten Praktiken des Literaturtourismus im Spannungsfeld von Text und Ortserfahrung fragt. Im Unterschied zu anderen touristischen Praktiken zeichnet sich der Literaturtourismus dadurch aus, dass er sich an eine spezifische mediale Vorlage – den literarischen Text – knüpft sowie daran gebundene Leseerfahrungen, die im Kontext der ortsbezogenen Praxis wiederangeeignet (Reenactment) und in eine konkrete, körperliche Erfahrung im Raum übersetzt werden. Diesem Zusammenspiel von literarischem Text, Imagination /leserseitigen Vorstellungen und körperlich-materieller Praxis geht das Projekt anhand von drei Textbeispielen und damit verknüpfter Orte literaturtouristischer Praktiken nach: 1. James Joyces Ulysses (1922) in Dublin (Irland), 2. Thomas Manns Buddenbrooks (1901) in Lübeck (Buddenbrookhaus) sowie 3. dem Genre des sogenannten Eifel-Krimi (seit 1989) in der Vulkaneifel-Region. 

In methodischer Hinsicht bedient sich die Arbeit eines Ansatzes, der als ethnographisch-praxeologische Rezep­tions­forschung zu verstehen ist. In den Mittelpunkt rückt dabei die Analyse von literarischen Texten bzw. Textverfahren und leserseitigen Praktiken mit dem Ziel, Aneignungsprozesse von Literatur situiert, das heißt eingebettet in je spezifische soziale, mediale und/oder lokale Praxiszusammenhänge zu untersuchen. Im konkreten Fall bedeutet dies, dass zu Methoden der Textanalyse ethnographische Methoden der teilnehmenden Beobachtung und der Durchführung von Interviews am jeweiligen Ort der literaturtouristischen Praxis treten.

Übergreifend leistet das Projekt einen Beitrag zu a) einer praxeologischen Rezeptionsforschung, die konkrete (Medien-) Praktiken im Umgang mit literarischen Texten eingebettet in spezifische Handlungszusammenhänge untersucht, sowie b) zu einer rezipientenorientierten Analyse geographischer und -topographischer Konzepte und Verfahren der Literatur.

Lesung während einer Eifelkrimi-Wanderung, Quelle: Raphaela Knipp 2014
Lesung während einer Eifelkrimi-Wanderung, Quelle: Raphaela Knipp 2014